Ragnarson, mein personal Trainer

Ragnarson ist der Hund, den ich gesucht habe um an herausfordernden Erfahrungen wachsen zu können. Durch die Berg und Talfahrten, die ich mit ihm zusammen erlebt habe wurde mir so klar wie nie zuvor, wie sich überforderte Hundehalter fühlen und was sie durchmachen. Diese Erfahrungen bereichern meine fachliche Qualifikation um ein vielfaches, denn der Mensch spielt bei aller Tierliebe schließlich auch immer eine wesentliche Rolle.

Hier könnt ihr erfahren, wer Ragnarson ist, wie er zu mir kam und welche Hürden wir zu meistern haben/hatten.

Vorweg:
Seit Oktober 2009 begleitet mich dieser Hund durch mein Leben. Nach ca. einem ¾ Jahr dachte ich, dass wir die größten Hürden gemeistert haben. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir uns immer mehr auf den gemeinsamen Spaß konzentrieren. Wirklich zusammengewachsen sind wir nach etwa drei Jahren und selbst dann gab es noch einiges zu knabbern. Inzwischen begleitet uns der Herr seit 9 Jahren und ist ein unglaublich cooler Opa.

Eines ist nun endlich geklärt: Ragnarson ist der Herr und Meister und ich bin seine Praktikantin. 

Heute lässt er mir immer mehr Freiheiten und überträgt mir gnädig auch mehr Verantwortung, schliesslich weiss er nicht, wie lange er mich noch anleiten kann. Ernsthaft? Wir haben beide unglaublich viel voneinander gelernt und zollen uns gegenseitig grossen Respekt. 🙂

Mein ganz besonderer Dank

  • gilt meinem Lebenspartner, der trotz anfänglicher Skepsis meiner Entscheidung zugestimmt hat, Ragnarson ein Zuhause zu geben. Seine bleibende Unterstützung und sein Verständnis während den schmerzhaften Talfahrten mit dem Herren waren unverzichtbar um die ersten Hürden erfolgreich zu bewältigen.
  • meinen Kollegen im Lehrstuhl für Tierschutz (insbesondere Nicole Zobel und Dr. Angela Bartels) und der Trainer-Kooperation Alltagspfoten (Katy Sonderschefer, Monika Grottke und Miriam Görtz), die mir mit Rat und Tat so weit es eben möglich ist zur Seite standen.
  • Den Tierheilpraktikerinnen Barbara Echtler und Beatrice Brunner, sowie von meiner Kinesiologin Margarita Dengler die mir und Ragnarson in der schweren Zeit eine ganzheitliche Unterstützung gewährten

Zum Schluss ein großes Dankeschön an Ragnarson selbst, der mir so deutlich wie nie für möglich gehalten, meine Grenzen aufzuzeigen im Stande ist und mich dazu veranlasst alte Gewohnheiten zu überdenken und anzupassen.

 

Ragnarsons belebte Vergangenheit

Ragnarsons Vorgeschichte

Ragnarson ist ein Alaskan Malamute.

Malamuten sind Schlittenhunde, ähnlich wie Huskys. Nur sind diese nicht auf Schnelligkeit selektiert worden sondern auf Kraft und Ausdauer. Entsprechend sind sie größer, breiter und kräftiger als die eher zierlichen Huskys.
Diese Hunderasse gilt als sehr freundlich gegenüber Menschen aber auch als besonders selbstständig. Malamuten sind in der Regel sehr lauffreudig, zeigen, einen starken Drang zum Jagdverhalten und lernen nur sehr schwer alleine zu bleiben. Häufig werden diese Hunde daher in Rudeln gehalten und mittels Schlitten oder Trainingswagen-Fahrten körperlich ausgelastet.

Im Alter von 2 bis 3 Jahren wurde der Malamute-Rüde freilaufend aufgegriffen und ins Tierheim gebracht. Der Vorbesitzer konnte nicht ausfindig gemacht werden.

Das Tierheim vermittelte ihn an Halter, die bereits Erfahrung mit dieser besonders selbstständigen Rasse gemacht haben. Leider kamen diese trotz dessen nicht mit dem durchsetzungswilligen aber teils auch unsicheren Rüden zu Recht.

Ragnarson (alias Lasse) stürzte sich bei jeder Hundebegegnung mit voller Wucht in die Leine und regte sich dermaßen auf, dass die Halter nicht mehr in der Lage waren ihm körperlich gerecht zu werden. So gingen diese immer weniger mit ihm spazieren und versuchten ihm im Garten mit Ballspielen auszulasten, bei einem ausgewachsenen Malamutrüden definitiv ausweglos.

Einfach mal in hundearme Gebiete zu fahren war leider auch nicht möglich, denn seine Panik vor dem Auto war unglaublich groß. Vermutlich wurde er von den Haltern im Falle einer unvermeidlichen Fahrt mittels aufgezwungenem Maulkorb und mehreren Personen in den Kofferraum gebuckelt, denn freiwillig stieg er definitiv nicht ins Auto ein. Er wehrte sich mit allem was er hatte.

Wenn das nicht schon genug wäre, blieb der ehemalige Lasse auch nicht problemlos alleine zuhause, was für die Rasse an sich schon nicht ungewöhnlich ist. Nicht nur, dass er pausenlos in allen Tonlagen heulte um sein Rudel zusammen zu rufen, er klaute auch wie ein Rabe alles was Fressbar war und zerstörte die Wohnungseinrichtung. Türen waren für ihn nur ein minimales Hindernis. Schnell lernte er Türen zu öffnen und geschlossene Türen wurden mittels Pfoten- und Zahneinsatz solange bearbeitet, bis diese nicht mehr stand hielten.

In der Hilflosigkeit reagierten die Halter leider mit wachsender Einschränkung, sperrten ihn in den Keller und später in den Zwinger, was seinen aufgestauten Energien immer mehr zum Verhängnis wurde.

Nach ca. einem Jahr gaben die Halter den adoptierten Lasse entnervt wieder zurück ins Tierheim, wo er der Polarhunde-Nothilfe in Hohenlockstedt übergeben wurde.

Dort hatten es die Pfleger erst mal mit einem vollends „durchgeknallten“ Hund zu tun, der sich in seiner Behausung mit voller Wucht gegen die Zwingerwände schmiss, dass das ganze Konstrukt wackelte. Es dauerte einige Monate, bis sich der Rüde allmählich beruhigte, der stetige Tagesablauf und die regelmäßigen Spaziergänge mit kräftigen Helfern taten ihm gut.

Mit viel Sachverstand, Geduld und Konsequenz arbeiteten die Pfleger der Polarhunde-Nothilfe mit dem Rüden. Neben „Sitz“ und „Platz“ lernte er freiwillig einen Maulkorb aufzusetzen und in einen Kennel zu steigen um Autofahrten mit etwas weniger Stress zu ermöglichen. Auch die Spaziergänger hielten sich schon an kleinere Regeln, um während dem Ausgang überhaupt einen Draht zu dem Rüden zu bekommen.

Aufgrund seines extrem kontrollierenden Verhaltens gegenüber jeglichen Ressourcen war es leider bis zum Schluss nicht möglich, ihn mit anderen Hunden zusammen zu lassen. So blieb er trotz seiner als besonders sozial bekannten Rasse die 1 ½ Jahre in einem Einzelgehege. Dort nagte und schleckte der einsame Rüde stereotyp an den Zwingerpfosten, wodurch seine Schneidezähne deutlich sichtbar gelitten haben.

Ein Entschluss des Schicksals, oder wie wir uns gefunden haben.

Nachdem unsere Gina (Malamut-Bernersennen-Mischlichngshündin) sich verabschiedet hatte, war klar, was schon lange zuvor klar war. Gina war meine erste eigene Hündin und sie hatte sich so perfekt gemacht, dass ich mir zutraute eine echte Herausforderung anzunehmen. Dank ihr und vieler meiner Klienten, die ich bis dahin schon betreuen durfte hatte ich schon sehr viel gelernt. Nun wollte ich mich weiter schulen, mit einem Hund, der mir meine ganz persönlichen Grenzen aufzeigen kann.

Ein Malamutrüde wäre hierzu geeignet fand ich, war aber auch gegenüber Mischlingen mit ähnlichem Potential aufgeschlossen.
Im Internet durchsuchte ich alle möglichen Tierschutzseiten, denn ich wollte einen schon erwachsenen Hund adoptieren, dessen Grundcharakter ausgereift ist.

Als ich das erste Mal im Internet auf den damaligen „Lasse“ stieß, begann es schon ganz leicht in mir zu flackern. Aufgrund der Beschreibung, bezüglich seiner bekannten Trennungsangstproblematik hatte ich allerdings große Bedenken. Wir leben schließlich in einer Mietwohnung, durchfressene und zerkratzte Türen wären da nicht tolerierbar…

Bei anderen Hunden, die ich ausfindig machen konnte fragte ich hier und da mal an, aus unterschiedlichsten Gründen kamen diese jedoch alle nicht in Frage. Und immer wieder stieß ich bei der Suche doch wieder auf Lasse, der da als eher schwer vermittelbar galt und schon über ein Jahr in der Nothilfe saß.

Als ich dann wieder einmal über seine Beschreibung stolperte, bemerkte ich dass diese leicht verändert war. Seine anfangs „durchgeknallte“ Zeit wurde etwas abgemildert beschrieben, stattdessen stand dort, er habe sich überraschend schnell eingelebt.

Hoffnung flackerte in mir auf, denn wenn er sich schnell eingewöhnt und mit einer neuen Situation recht bald zu Recht kommt, könnte ich es doch versuchen. So besprach ich meine Überlegung diesem Hund eine Chance zu geben mit meinem noch eher skeptischen und zurückhaltenden Lebenspartner sowie mit meinen Kollegen, die direkt mit ihm Kontakt haben würden.

Als gerade die Kollegin, die sich am wenigsten für Hunde begeistern kann überraschend positiv reagierte und bei der doch deftigen Beschreibung im Internet nur meinte: „DAS ist DEIN Hund! Alles andere wäre zu einfach für Dich…“ War die Entscheidung schon fast gefallen.

Es folgten mehrere Telefonate mit der Polarhunde-Nothilfe und wenige Wochen Bedenkzeit. Dann nahmen wir uns am 10.10.2009 die Zeit, fuhren mit einem Zwischenstopp die fast über 900km zur damaligen Behausung des Rüden um ihn in seiner vertrauten Umgebung kennen zu lernen. Erst dann sollte die Entscheidung wirklich fallen, denn mein Lebenspartner wollte sich erst nach dem Kennenlernen entscheiden.

Ragnar, inzwischen ca. 5-6 Jahre alt, zeigte sich von seiner besten Seite. Ein schlammbesudelter Koloss mit einem wunderbar kompakten Körperbau stand vor uns und begrüßte die Besucher mit tiefem langgezogenem Heulen. Der folgende Spaziergang war erwartungsgemäß anstrengend und zeigte gleich, dass es kein Zuckerschlecken mit ihm werden würde. Ragnar setzte seine dicke „Mammutschicht“ ein und schaffte es uns fast vollständig zu ignorieren. Bei ersten kleinen Versuchen mit ihm zu arbeiten zeigte er sich zwar tendenziell MAL interessiert, aber nicht ausreichend um wirklich dabei zu bleiben.

Auch wurde schnell klar, dass Lasse nicht davor zurückschreckt wenn „nötig“ mit gehemmtem Zahneinsatz Respekt einzufordern und zu klären, was seiner Meinung nach ihm gehört.

Ja, das war es was ich wollte. Dieser Hund würde mich fordern und mir meine Grenzen aufzeigen, da war ich mir sicher.

Mein armer Freund blieb verständlicherweise skeptisch. Auch wenn man Mirko ansah, dass Lasse ihm schon recht gut gefiel zweifelte er doch etwas, ob er mit diesem Hund zu Recht kommen würde. Jedoch brachte er mir und meiner Entscheidung großes Vertrauen entgegen und stimmte der Adoption letztendlich zu. Dafür und für seine bleibende Unterstützung bin ich ihm unendlich dankbar!

Erst nachdem Lasse sich die ersten Monate bei uns eingelebt hatte und erste Hürden gemeistert wurden, fanden wir einen Namen, der seinem Charakter mehr gerecht wurde. Ragnarson, kurz Ragnar.

Auf Anfrage einiger Freunde und Bekannte, was dieser Name denn bedeutet guckte ich im Internet nach und fand die so passende Beschreibung:
Ragnar ist ein altgermanischer Vorname und bedeutet soviel wie
„Ratschluss der Götter“, „Entschluss des Schicksals“.

Ragnarson eine Herausforderung auf allen Ebenen.

Ragnarson hatte sich bei mir kein einfaches Leben ausgesucht. Unsere Situation verlangte eine Menge Flexibilität von ihm, die eine schnelle Eingewöhnung sicherlich auch deutlich erschwerte.

Wir leben in der Schweiz in einer ländlichen Gegend mit vielen Feldern und weit überblickbaren Flächen.

Dort treffen wir regelmäßig auf die unterschiedlichsten Tiere, wie Ziegen, Rinder, Hühner, Kaninchen, sowie Katzen und Füchse. Auch Pferde kommen hier und da mal auf Spazierwegen entgegen.  Ragnarson sah sie allesamt als Beuteobjekte an und war nicht begeistert, dass er seiner Jagdlust nicht nachgehen darf.

Zuhause gehören unsere zwei Katzen Boron und Rondra zur Wohngemeinschaft, die zwar zeitweise Freilauf genießen, aber die meiste Zeit vor allem in der kalten Jahreszeit in der Wohnung sind. Auch diese gehörten anfangs in sein Beuteschema, was die Sache nicht vereinfachte.

Für meine Tätigkeit als Tierpsychologin fahre ich zu den Tierhaltern nach Hause. Entweder kann Ragnar für diese Zeit zuhause untergebracht werden, oder er fährt mit und muss während der Beratungszeit im Kofferraum warten. Beides war für ihn anfangs keine beliebte Option.

Auf Fortbildungsveranstaltungen und Lehraufträge darf mich Ragnar häufig begleiten, weil es oft nicht anders möglich ist. Hierfür erhielt er ein mobiles Zuhause, seine ganz persönliche zusammenklappbare Hundehütte, in der er sich glücklicherweise geborgen und sicher fühlt.

Die ersten 4 Jahre fuhr Ragnarson jede zweite Woche mit mir nach München, wo ich jeweils 5 Tage lang arbeitete und während dieser Zeit in einem kleinen Zimmer übernachten durfte. Nicht genug, dass Autofahrten der Horror für ihn waren, musste er von Beginn an lernen damit klar zu kommen, dass er auch mal alleine im Büro verbleiben muss. Meine Kollegen und ich waren zeitweise viel im Haus unterwegs. Sein Spitzname im Institut wurde schnell „Huibuh das Schlossgespenst“, da er ausdauernd heulte, wenn niemand im Büro war.

Die Spaziergänge in München fanden im englischen Garten und im Olympiapark statt. Dort waren Hundebegegnungen so gut wie unvermeidlich. Im Olympiapark finden sich gerade in der Morgen- und Abenddämmerung ganze Kaninchenhorden, die fröhlich vor sich hin hoppeln. Zusätzlich sind die Parks immer wieder gespickt mit verschiedenen Leckereien, die von den Leuten hier liegen gelassen oder weggeschmissen werden. Es war ein ständiger Spiessrutenlauf. Am liebsten wollte er jeden Hund verprügeln, der in Sichtweite kam, sich Kaninchen zum Abendessen besorgen und alle Snacks aufsammeln die so herumlagen. Meine Versuche ihn davon abzubringen konterte er mit sehr kontrollierten aber konsequenten Attacken gegen mich.

Den Weg zwischen meiner Übernachtungsstätte und der Arbeit meisterten wir entweder in zwei Stunden Fußmarsch durch die Stadt, mittels öffentlichen Verkehrsmitteln, oder wir fuhren mit dem Auto. Als das Vertrauen zwischen uns etwas wuchs meisterten wir die Strecke auch mit den Inlinern, diese Variante fanden wir beide am besten.

Am Ende der Woche ging es in einer dreistündigen Autofahrt wieder zurück in die Schweiz.

Meine Kräfte waren nach drei Monaten intensiven Umgangs und Training mit dem Mammut völlig aufgebraucht. Wir beide waren abgemagert, Ragnarson litt unter wiederkehrendem Durchfall. Ich erlebte einen Nervenzusammenbruch und verlor mich in hysterischen Ausbrüchen, die unsere Beziehung belasteten. Doch wir rauften uns wortwörtlich zusammen und wurden am Ende richtig dicke Kumpels. In den folgenden Berichten könnt ihr die einzelnen Herausforderungen einsehen, die wir zu bewältigen hatten.

Heute kann ich nur sagen: Ich liebe diesen Herren von Herzen. Er darf jederzeit seinen letzten Weg antreten, wenn er es für passend hält, doch ich werde ihn ganz bestimmt sehr vermissen.

Wie Ragnarson seine Weltherrschaft mit mir zu teilen begann

Boron und Rondra gibt es nicht zum Frühstück

Wie bei allen Hunden aus der Polarhunde-Nothilfe stand bis auf wenige Ausnahmen dabei, dass diese Tiere nicht mit Katzen und anderen kleinen Heimtieren zusammen gehalten werden können. Die Nordischen sind bekannt für ihr exzessives Jagdverhalten.

Aufgrund meiner bisher gesammelten Erfahrung in diesem Bereich, traute ich mir jedoch ohne weiteres zu, eine Zusammenführung hinzubekommen. Sorgen machte ich mir nur, da meine Miezen wenig ängstlich auf Hunde reagieren. Ich hatte Bedenken, dass sie dem Neuankömmling direkt ins offene Maul laufen könnten. Daher sicherte ich die erste Begegnung mit einem Maulkorb ab.

Als Ragnar die Miezen erblickte, raste er sofort mit voller Wucht in die Leine, so dass die Beiden glücklicherweise doch lieber Abstand hielten. Allerdings gefiel es dem Neuankömmling gar nicht, von mir zurückgehalten zu werden und so ließ er seinen Frust an mir ab. Mit Maulkorb gesichert konnte ich seinen folgenden Angriff mir gegenüber souverän ignorieren.

Es folgten anstrengende Wochen, in denen nicht an gemütliches „couchen“ zu denken war. Ragnarson zeigte schließlich nicht nur Jagdverhalten sondern neigte auch dazu, unser Essen auf dem Tisch gegenüber den Miezen vehement zu verteidigen. Genauso ungehalten reagierte er, wenn er mitbekam, dass wir die Beiden füttern wollten.

Nach drei bis vier Wochen war es endlich möglich, den Maulkorb teilweise weg zu lassen oder ihn alternativ mit und teilweise sogar schon ohne Maulkorb frei herumlaufen zu lassen. Das zwar weiterhin nur unter Aufsicht, aber immerhin.

Er genoss die neu gewonnene Freiheit gleich dermaßen, dass er wie ein Wohnzimmerpony über Sessel und Sofa sprang und ausgelassen durch die Wohnung sauste um mit uns zu spielen.

Nach ca. 1 ½ Monaten entspannte sich die Situation mit den Katzen zusehends und Ragnar nahm immer häufiger freundlichen Nasenkontakt mit den Miezen auf. Hier und da versuchte er sogar schon Spielaufforderungen, die von den Beiden aber noch nicht so recht verstanden werden 😉

Inzwischen schaut unser „Mammut“ gelassen zu, wenn Boron und Rondra wegfliegende Futterstücke durch die Wohnung jagen oder wenige Meter vor ihm ihre Futterschüssel leeren.

Draußen musste sein Verhalten noch mal neu gefestigt werden, aber auch dort bleibt er nun gelassen, wenn unsere „Monsters“ kommen.

Freilauf mit einem Malamauten?

Zugegeben, hier hab ich vermutlich zu früh, zu viel verlangt. Das würde ich heute anders machen, aber solche Erkenntnisse gehören schließlich dazu.

Ragnarson hatte nicht die leiseste Idee, warum er auf mich achten sollte. Meine Vorschläge für Leckerlispiele interessierten ihn nur bedingt und das Ende der Leine noch viel weniger. Auch Versuche mich ihm in den Weg zu stellen schaffte er vollkommen zu ignorieren, dieser Hund hatte definitiv noch nicht erfahren, dass es auch Spaß und Sinn machen kann mit einem Menschen ZUSAMMEN spazieren zu gehen.
Ganz ehrlich, ich hatte noch nie einen Hund erlebt, der es so perfekt meisterte mich in Luft zu verwandeln und einfach durch mich hindurch zu laufen. Ragnar schaffte es wirklich so gut mich auszublenden, dass ich einige Male an meinen Trainingsversuchen herumschraubte, um besser an ihn ran zu kommen.

Jeder Spaziergang wurde zu einem schweißtreibenden Erlebnis. Es gab endlose Debatten, in denen Ragnar einerseits lernte, dass meine Signale eine ernstzunehmende Bedeutung haben und andererseits, dass es sich tatsächlich lohnt diese auch zu beachten, oder wenigstens überhaupt zu bemerken!

Nach ersten Muskelzerrungen, wenn Ragnar mit voller Wucht in die 8m Leine sprang, lernte ich dazu und setzte einen Ruckdämpfer dazwischen. Ragnar forderte mich wirklich ganz massiv und zeigte mir meine Grenzen so deutlich auf, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.

Die Kombination mit den anderen Hürden, vor allem mit der Problematik Autofahren gab mir den Rest. Teilweise bekam ich große Lust diesen „Esel“ dem nächst Besten in die Hand zu drücken und zu gehen. Sollte sich doch jemand anders mit ihm herumschlagen. Natürlich setzte ich das nicht in die Tat um, nur hier und da leinte ich ihn mal an einen Pfosten an um mich ein paar Meter zu entfernen und meinen Frust in den Wald zu brüllen. Ragnar sollte schließlich nicht meine ganze schlechte Laune abbekommen.

So ging es einige Monate streckenweise Auf und Ab und das zerrte ganz enorm an meinen Nerven. Von sinnvollem Training konnte zeitweise sicherlich nicht mehr gesprochen werden, ich wurde emotional und ungerecht zu ihm. Doch niemand konnte mir diesen Hund abnehmen, da er in einigen Situationen wirklich schwer zu händeln war. Selbst mein Freund traute es sich lange Zeit nicht zu mit ihm spazieren zu gehen.

In der Früh aufzustehen und sofort voll da zu sein, nach einem stressigen Arbeitstag mit ihm spazieren zu gehen, das war die reinste Tortur. Als ich nicht mehr konnte, begrenzte ich Spaziergänge daher einer Zeitlang nur auf das Nötigste und lastete ihn streckenweise über Bewegungsspiele wie Longiertraining körperlich und geistig aus.

Für die fachliche und emotionale Unterstützung von Seiten der Trainer-Kooperation „Alltagspfoten“ (Katy Sonderschefer, Monika Grottke und Miriam Goertz) möchte ich mich hier noch mal ganz besonders bedanken. Hier wurden Denkfehler meinerseits aufgedeckt, die mir beim Weiterkommen eine große Hilfe waren!

Dann endlich, Anfang 2010, begann Ragnar mich und meine Signale immer mehr zu beachten und sich auf meine Vorschläge zu gemeinsamen Aktionen einzulassen. Im Mai 2010 schien dann der Groschen endlich gefallen zu sein, lange Zeit wollte ich das gar nicht glauben. Seit dem geht es aber tatsächlich fast nur noch bergauf und Ragnar konnte sich sogar schon kurze Freilaufstrecken erarbeiten. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, es wurde auf einmal zu einer Selbstverständlichkeit mit mir zusammen zu arbeiten!

Ohne Ablenkung durch andere Tiere reagiert Ragnar inzwischen schon sehr zuverlässig auf die wichtigsten Signale. Dazu gehören unter anderem „Stopp“, „zu mir“, „da bleiben“ und „Warten“. Diese Entwicklung verfolgte ich einige Zeit mit Misstrauen, täglich wartete ich darauf, dass Ragnar mir wieder „die kalte Schulter zeigt“, aber es bleibt stetig und es gab nun schon seit langem keine großen Einbrüche mehr. Ragnar nimmt nun regelmäßig freiwillig Blickkontakt auf und kommt freudig zu mir galoppiert, wenn ich ihn rufe, eine Zeitlang hätte ich das für fast unmöglich gehalten.

Inzwischen geht auch mein Freund mit ihm spazieren und bemerkt ganz deutlich die Fortschritte. Der Spaß beim gemeinsamen Spaziergang wächst nun stetig an, nur noch selten kommt es vor, dass ich oder er einfach mal einen schlechten Tag haben.

Aufgrund dieser positiven Entwicklung wagte ich auch mit ihm das Inlineskaten zu versuchen. Im Falle einer Begegnung mit Hunden oder anderen Tieren gestaltet sich dies zwar noch etwas abenteuerlich, aber es ist machbar und so ist es mir möglich Ragnarson auch körperlich besser auszulasten. Ragnar hat bereits verstanden, mich auf Signal ein Stück zu ziehen und sich auf meine Bitte hin auch wieder zurück zu nehmen. So konnten wir Ende Juni 2010 erstmals auch die Strecke in München zwischen Arbeit und Übernachtungsstätte meistern, ohne einen Unfall zu riskieren!

Kontrollierbares Jagdverhalten?

Als echter Nordischer zeigt Ragnar eine sehr ausgeprägte Jagdleidenschaft und dabei macht er auch bei großen Tieren nicht halt. Alles was wegläuft lässt sich jagen. So reagiert er nicht nur auf Kaninchen, Katzen und Füchse, sondern auch auf Rinder, Ziegen, Schafe und Pferde.

Die ersten Versuche mit ihm an einem Ziegengehege vorbei zukommen scheiterten komplett. Es war mir nicht möglich, Ragnar auch nur ansatzweise souverän dort vorbei zu lotsen, immer wieder sprang er mit voller Wucht in die Leine und am Ende konnte ich nur Prellungen und Zerrungen meinerseits verbuchen.

So setzte ich hier zu Beginn mit dem Training möglichst aus und versuchte entsprechende Begegnungen zu meiden. Nur wenn ich gut vorbereitet und gut gelaunt war suchte ich solche Situationen auf und trainierte ganz gezielt mit ihm. So wurde es dann auch immer besser, wenn ich auch weiterhin mit kleineren oder größeren Rückschlägen zurechtkommen muss.

Bezüglich seiner Jagdambitionen gegenüber Katzen und Kaninchen hat mir die Arbeit an meinen eigenen Katzen viel gebracht. Zu Beginn war es auch hier kaum möglich seine Aufmerksamkeit umzulenken, auf Versuche ihn am Geschirr zurück zu nehmen reagierte er immer wieder mit umgerichteter Aggression. Aber die Fortschritte stellten sich hier fast schlagartig ein!
Im Olympiapark reagiert Ragnar auf Kaninchen schon fast gar nicht mehr, auch wenn diese wenige Meter von uns entfernt umherhoppeln! Hierfür wird er natürlich regelmäßig ausgiebig belohnt! Die Nachbarskatzen werden auch immer uninteressanter und bei Pferden wie Rindern kommen wir ebenfalls voran.

An Ziegengehege kommen wir nun meist entspannt vorbei und das Interesse nimmt ab. Ganz trauen kann ich ihm da immer noch nicht, aber wir sind auf einem aufsteigenden Ast.

Auf unserer ersten Bergtour mit ihm wagte ich kaum zu atmen, als ich erkannte, dass wir durch eine Schafherde durchgehen müssen. Ich war kurz davor wieder umzudrehen, aber wir meisterten diese überraschend souverän und konnten die Bergtour später noch mit allen Sinnen genießen.

Nach den Schafen kreuzten wir immer wieder freilaufende Rinder und so wurde diese Bergtour zur besten Trainingsstrecke, die ich bis dahin gefunden hatte. Am Ende zeigte er zumindest Rindern gegenüber nur noch sehr mäßiges Interesse und lies sich mit verschiedenen alternativen Spielchen an ihnen vorbei lotsen.

Noch bin ich mir nicht sicher, wie weit ich letztendlich kommen werde, ob es mir jemals möglich sein wird, ihn von Jagdverhalten abzurufen, wie es mir mit Gina gelungen war. Allerdings werde ich weiter darauf hinarbeiten und ich glaube, meine Chancen stehen gar nicht schlecht.

Kuscheln erlaubt, aber mehr sicher nicht!

Generell ist Ragnar Menschen gegenüber äußerst aufgeschlossen und freundlich. Wichtig ist nur, dass sie nichts von ihm verlangen. Jeder kann ihn knuddeln, umarmen, spielerisch an den Pfoten und Ohren ziehen, ihn herumschubsen usw. Nur wenn er gerade aus irgendeinem Grund angespannt ist, oder man gezielt an ihm herumfummelt reagiert er mal mehr, mal weniger gereizt.

Wer dieser lauten und deutlichen Verwarnung nachkommt und ihn daraufhin in Ruhe lässt, hat nichts zu befürchten. Aber um ihn zu behandeln, ihn zu bürsten oder ihn aus einer verhedderten Leine zu befreien ist es notwendig dran zu bleiben. In dem Fall könnte er schon mal deutlicher werden.

Das lernte ich in den ersten Wochen und auch später noch gezielt besser einzuschätzen, denn zu Beginn gab es doch hier und da noch schmerzhafte Fehleinschätzungen bezüglich seines Durchsetzungswillens.

Hatte er sich Anfangs in seiner Leine verheddert, als er den Katzen nachstellen oder einen Hund ankeifen wollte, so war es mir ohne Maulkorb nicht möglich ihn wieder zu entheddern. Auf jede manipulative Berührung reagierte er massiv gereizt. Als ich das erkannte, wusste ich natürlich solche Situationen besser zu umgehen, um den Stress nicht unnötig zu fördern.

Aber auch in scheinbar entspannten Situationen, wenn er ruhig irgendwo lag, ließ er es oft nicht einfach zu, dass ich seine Pfote aus der Leine befreie, die sich da eingehängt hatte. Nach einer Weile begriff ich, dass dies immer nur dann problematisch war, wenn Ragnar sehr müde war und eine stressige Situation hinter sich hatte wie zum Beispiel nach einer Autofahrt.

Dies ist auch heute noch zu beachten und oft gar nicht so einfach einzuschätzen. Es kann daher immer noch passieren, dass Ragnar hochfährt, wenn man an ihm rumzufummeln beginnt. Inzwischen weiß ich aber diese Situation so anzukündigen, dass Ragnar nicht mehr das Gefühl hat aggressiv reagieren zu müssen.

Abtrocknen war in den ersten Monaten zwingend notwendig und auch da war große Vorsicht geboten. Mit gezieltem Training kam ich aber bald so weit, dass er sich dies ohne weiteres gefallen ließ und so konnte ich mich ans Bürsten wagen.

Hier brauchte es wieder etwas länger, bis er wirklich tolerant blieb. Meist ließ er es für eine kurze Zeit zu, wurde dann aber doch grantig. Mit Spiel und Futter konnte ich ihn motivieren immer länger durch zu halten und auch kritische Stellen zu meistern, so dass er endlich seine Unterwolle loswerden konnte, die ihm in der warmen Wohnung so zu schaffen machte.

Einen ganz massiven Einbruch gab es, als ihn im Frühling eine Zecke biss. Ragnar reagierte hochsensibel und begann ständig an dieser Stelle zu knabbern und zu schlecken. Als ich mal ganz unbefangen nachsehen wollte giftete er mich so massiv an, dass ich echt sauer wurde, ihm einen Maulkorb draufsetzte und einfach durchsetzte was ich von ihm erwartete. Nicht die schönste Strategie, aber ich war in dem Moment einfach nicht in der Lage geduldig mit ihm zu arbeiten.

Ragnarson hatte noch mehr Zecken abbekommen und als ich diese alle aus ihm herausgeholt hatte entspannte er dann auch gleich sichtlich und streckte mir genüsslich alle Viere entgegen. Er scheint ein sehr sensibles „Mammut“ zu sein…

Im Laufe der Zeit besserte sich hier schon vieles, wenn er aber akut eine Stelle hat, die ihn juckt oder schmerzt, dann ist er weiterhin nicht tolerant. Ihn davon abzuhalten dort zu schlecken war bisher kaum möglich, nahm ich dann die Leine an der er angehängt ist und zog leicht daran drehte er sich blitzartig um und keifte mich an. Seit seinem letzten Zeckenbiss, der ihn noch länger nervte, da er den Hinterleib abgebissen hatte und der Kopf in der Haut stecken blieb, konnte ich an diesem Verhalten gezielter arbeiten und so lässt Ragnarson inzwischen auch ohne Keifen von der Stelle ab, wenn ich es verlange.

Den Zeckenkopf mussten wir allerdings in einer Mini-OP entfernen, in der er mittels Maulkorb gesichert auf dem Boden fixiert wurde, dort Futter erhielt während er die Zähne zeigte und keifte was das Zeug hielt. Der Zeckenkopf konnte ganz ohne dramatische Maßnahmen mittels Pinzette aus der Haut gezogen werden, aber es hörte sich an, als wäre eine Bestie losgeworden. Meine Kollegen steckten danach ganz vorsichtig ihren Kopf durch die Tür um zu sehen, ob wir noch leben. Ragnar war danach dafür total gut drauf, endlich war der Zeckenkopf weg! Seine Laune besserte sich wirklich schlagartig.

Alles meins!!!

Wenn Ragnar etwas Fressbares aufgestöbert hat, dann ist nicht mit ihm zu spaßen. Gleiches gilt, wenn er gerade an seiner Futterschüssel aktiv ist oder etwas zu Kauen bekommen hat. Jeder der sich ihm dann nähert wird sehr deutlich verwarnt und wer versucht in die Nähe der Futterquelle zu gelangen muss mit leichten Zahnabdrücken rechnen.

Auf Tauschangebote ging er zu Beginn überhaupt nicht ein, selbst wenn das Tauschobjekt noch so verlockend war. Gereizt schnappte er dann nur nach der Hand, die ihm dieses anbot. Vermutlich wurde er früher bestraft, wenn er etwas gefunden hatte und konnte diese Strategie für sich entdecken.

Da hat sich inzwischen schon einiges getan, aber ganz aus der Welt ist sein Misstrauen noch lange nicht.

Gleich in der ersten Woche in München musste ich zusehen, wie er eine Burger-King-Tüte mitsamt Inhalt herunterwürgte, ohne dass ich eingreifen konnte. Er hatte sie am Straßenrand gefunden. Glücklicherweise kam die Tüte am nächsten Tag hinten wieder raus und ich war beruhigt. Als er einmal eine geschlossene Katzenfutterdose aufstöberte, konnte ich aber nicht noch mal zusehen und entriss ihm die Dose, in dem ich sein Maul aufhebelte. Der folgende Biss ging ins Bein, glücklicherweise hatte ich die Lederhose an.

Um Ragnarsons Misstrauen mir gegenüber schwinden zu lassen, wird er nie bestraft, wenn er etwas gefunden hat. Stattdessen freue ich mich regelmäßig ganz doll und biete ihm einfach immer nur noch mehr zu fressen an. Damit habe ich es immerhin schon erreicht, dass ich überhaupt ungefährdet an die Futterquelle rankommen und manchmal zumindest einen Teil davon in Sicherheit bringen kann.

Einen mit Futter gefüllten Beutel (Futterbeutel) hat er bereits gelernt mir zuverlässig zu bringen, zur Belohnung öffne ich den Beutel und er darf daraus fressen. Einmal brachte er mir nun bereits eine aufgestöberte Tüte mit Leckereien wie selbstverständlich und gab sie sofort ab, ich war begeistert!

Immer besser klappt es auch, dass ich Ragnar während dem Fressen am Kopf- und Maulbereich anfassen kann, ohne dass er aggressiv reagiert.

Bis er mir einmal ein Schweineohr apportiert, wird allerdings noch einige Zeit vergehen…

Dieses Verhalten spielt auch im Bezug auf Hunde und unsere Katzen eine große Rolle. Beim Anblick von Futter kennt Ragnar keinen Spaß. Er schaffte es zu Beginn nicht zu tolerieren, dass Artgenossen oder unsere Katzen auch fressen dürfen.

Mit den Katzen kann ich hier schon recht gut trainieren und das ist inzwischen kaum noch ein Problem. Bezüglich Hunden dauert es jedoch noch ein Weilchen, bis ich da weiter komme. Hier und da gab es wegen Futterressourcen schon handfeste Prügeleien, die glücklicherweise jedoch immer glimpflich ausgingen.

Nur in wenigen Situationen trainiere ich hieran bereits gezielt, erstmal müssen Hundebegegnungen generell ruhiger verlaufen.

SOZIAL-Verhalten mit Hunden?

Nicht nur sein Jagdverhalten ist schwer unter Kontrolle zu bringen, auch Ragnars Verhalten gegenüber anderen Hunden bedarf einiges an Arbeit. Zu Beginn war ich mir noch gar nicht sicher, ob er überhaupt sozialverträglich ist, denn beim Anblick eines anderen Hundes (egal ob Hündin oder Rüde) reagierte er schon auf einige Meter Entfernung mit lautem Gebrüll und sprang hysterisch immer wieder in die Leine. Es war teilweise fast nicht möglich ihn überhaupt fest zu halten, und wenn ich dann in Geschirr oder Fell griff, hatte ich den Herren selber am Arm.

Es dauerte eine Weile, bis ich eine geeignete Strategie gefunden hatte mit Ragnars Verhalten sinnvoll umzugehen und solche Situationen souveräner zu meistern. Dann wurde aber doch relativ schnell klar, dass Ragnarson eigentlich ein sehr sozialkompetenter Rüde ist, der sich auch mit Rüden durchaus gut verstehen kann! Er spielt für sein Leben gern mit anderen Hunden und zeigt sich dabei zuckersüß und überaus tolerant!
Wer hätte das gedacht?

Mit Konsequenz, übermäßiger Sturheit einerseits und gezielter Gegenkonditionierung andererseits, lernt Ragnarson nun, sich anderen Hunden langsam zu nähern, ohne sich aufzuregen. Dabei macht er sich teilweise überraschend gut, auch wenn es doch hier und da mal zu kleineren oder größeren Raufereien mit besonders selbstbewussten Rüden kommen kann.

Immer mehr wird auch klar, dass Ragnar doch auch in Ginas Fußstapfen tritt. Wie sie kontrolliert auch er gerne seine Artgenossen und dominiert sie auf subtile Art und Weise ganz „nebenbei“. Dabei schafft er es immer wieder, einer ernsthaften Konfrontation doch noch zu entgehen, sofern sich auch der andere Hund zurück zu nehmen weiß.

So fern es möglich ist Sozialkontakte zu zulassen, ist es daher sehr spannend und lehrreich, ihn in der Interaktion zu beobachten.

Parallel dazu lernt Ragnarson auch, an Hunden vorbei zu gehen ohne Kontakt zu haben. Das ist fast noch die schwierigere Variante, lässt sich aber oft allein deshalb nicht vermeiden, weil die Hundehalter lieber keinen Kontakt wünschen wenn sie sehen wie sich mein Mammut aufführt… Auch hier machen wir große Fortschritte und Ragnarson wird immer souveräner.

Bis das zuverlässig klappt, kann es aber sicherlich noch dauern und so wird uns die nächste Zeit bestimmt nicht langweilig.

Autofahren - Das Horrorkabinet

a, das Autofahren, diese Problematik hatte mich schon fast so weit, dass ich für diesen Hund andere geeignete Halter gesucht hätte. Nie hätte ich erwartet, dass mich diese Schwierigkeit erstens so massiv belastet und zweitens es so lange dauern kann, bis hier Besserungen eintreten.

Die Autofahrt aus dem Norden Deutschlands zu uns war der absolute Horror für Ragnarson. Zu dritt und mit Maulkorb mussten wir den großen Hund in den Kofferraum wuchten, da alle Versuche ihm mittels besten Leckerlis und gezieltem Kurztraining das Auto schmackhaft zu machen scheiterten. Über eine weitere Leine, die über die Rücksitzbank durch die Seitentür gezogen wurde, sicherten wir ihn so, dass die Heckklappe geschlossen werden konnte. In dem Moment, wo die Klappe zu war drehte Ragnar komplett durch und verfiel einer massiven Panik. Erst nach und nach beruhigte er sich einigermaßen, aber wirklich entspannen konnte er bis zum Schluss nicht.

Auch das Aussteigen war ein Kraftakt, denn ich wollte ihn auf gar keinen Fall aus dem Kofferraum flüchten lassen. Wir hielten ihn so lange fest, bis er sich nicht mehr nach draußen stürzen wollte und erst dann bekam er das Signal raus springen zu dürfen.

Aufgrund seines Verhaltens hatte ich ganz klar gedacht, sein Problem wäre das „Eingesperrt werden“ und nicht die Fahrt an sich. So trainierte ich die ersten Wochen mit ihm konsequent und erreichte dann tatsächlich, dass er freiwillig in den Kofferraum einstieg und er auch nicht mehr total abdrehte, wenn ich die Heckklappe schloss.

Im Laufe der Zeit wurde aber immer mehr klar, dass es nicht das „Eingesperrt werden“ ist, was ihm letztendlich die Probleme bereitet, sondern die Fahrt an sich. So rutschte ich im Training mit jeder unvermeidlichen Fahrt wieder zurück. Ich versuchte alle Strategien, die mir und meinem Kollegen in den Sinn kamen, um ihm die Fahrt angenehmer zu gestalten, aber nichts half. Ragnar misstraute mir in Sachen Auto immer mehr und so kam es zu einigen Situationen, in denen er, schon nicht mehr mit Maulkorb gesichert, panisch um sich biss. Auch ich stresste mich immer weiter rein. Während ich zu Beginn noch ganz ruhig und souverän mit ihm arbeiten konnte, begann ich nach einigen Wochen Training schon zu zittern wenn ich nur an die nächste Autofahrt dachte!

Erste Versuche über homöopatische Mittel und Bachblüten ihm zu helfen, sahen zuerst zwar vielversprechend aus, reichten aber nicht aus, um eine dauerhafte Besserung zu verschaffen.

Egal wie ich es drehte und wendete, es war mir leider auch nicht möglich ihm die regelmäßigen Autofahrten so lange zu ersparen, bis er durch gezieltes Training besser damit zu Recht kommen würde.

So kam es nach einigen Monaten, dass ich einen echten Nervenzusammenbruch erlitt. Ich war nicht mehr in der Lage mit dem Stress, den ich Ragnar durch die regelmäßigen Fahrten antat umzugehen und reagierte auf sein Verhalten nun selbst mit Aggression. Ich war nicht mehr in der Lage klar zu denken, wollte einfach nur, dass das jetzt endlich aufhörte!
Noch nie habe ich mich so erlebt und ich war geschockt über mein Verhalten.

Sobald wie möglich suchte ich mir Hilfe durch Kinesiologie (Margarita Dengler) und Coaching (Angela Bartels), was mir half wieder auf den Boden zurückzukehren und neue Kraft zu sammeln um anders damit umgehen zu können. Auch Bachblütenmischungen von der Tierheilpraktikerin Beatrice Brunner für mich und Ragnar kamen zum Einsatz.

Zusammen mit tierärztlichen Verhaltensspezialisten ging ich auf die Suche nach Medikationen, die geeignet wären Ragnarsons Stress bei den Fahrten bis auf weiteres so zu minimieren, dass ich mit meinem Training weiter kommen würde. Leider reichten selbst die heftigsten Mittel nicht aus, um ihm die Angst wenigstens ansatzweise zu nehmen.

Ich fühlte mich hilflos und war total verzweifelt, aber es half alles nichts. Es war klar, dass es kaum eine weitere Person geben würde, die diesem Hund nicht nur gerecht werden könnte, sondern es auch wollte. Die Fortschritte in den anderen Bereichen waren doch schon so enorm, dass mir von allen Seiten abgeraten wurde diesen Hund noch mal in andere Hände zu geben.

Zusammen mit meinen Kollegen, die mir in dieser Zeit (März 2010) ganz aktiv halfen und fast „todesmutig“ sogar mit ihm eine kleine Runde spazieren gingen, fand ich ein Ingwerpräparat, das bei Reisekrankheit ganz effektiv helfen sollte.

Um Ragnason den Kofferraum nicht noch weiter für teilweise notwendige Warte-Zeiten zu vermiesen, stieg ich schon zuvor darauf um, ihn auf dem Rücksitz anzuschnallen und dort mit ihm zu fahren. Hier war es auch einfacher ihn trotz Gegenwehr hineinzubringen, denn der Einstieg ist deutlich niedriger. Der Kofferraum sollte nur noch positiv belegt werden, da er hierin ja auch mal für eine Weile warten können muss. Das klappte einigermaßen gut.

Das Training setzte ich bis auf weiteres komplett aus, da ich mich immer nur noch mehr reinstresste. Allerdings, ich wagte es kaum zu glauben, die Ingwerkapseln halfen ihm tatsächlich! Ragnarson wurde nach einigen Fahrten mit den Ingwerkapseln deutlich ruhiger und stieg dann sogar erstmals vollkommen freiwillig auf die Rücksitzbank ein, ohne dass ich noch trainiert hätte.

Nur noch selten zeigt er inzwischen Fluchttendenzen, wenn wir zum Auto gehen. Er steigt fast immer gerne in den Kofferraum ein und lernt nun auch endlich dort ruhig zu warten, wenn ich mich für eine Weile entferne.

Hier und da versucht er Fahrten noch zu vermeiden, aber lange nicht mehr in der Intensität.
Sein Stress sinkt ganz eindeutig langsam ab und die Gewöhnung tritt immer mehr ein.

Wenn er gut drauf ist, dann genießt er es sogar schon mal seinen Kopf aus dem Fenster zu strecken und den Fahrtwind um die Ohren pusten zu lassen, hierfür muss er nur zum Schutz seiner Augen eine Hundebrille tragen.

Auch diese Hürde ist noch nicht gemeistert, aber es wird besser und Ragnars wachsendes Vertrauen in mich wird nicht mehr durch diese Fahrten geschmälert.

Nur wenn es uns beiden richtig gut geht und wir Lust auf gemeinsamen Spaß haben, mache ich mich mit ihm ein gezieltes Autotraining, in dem er lernen darf vorne im Fußraum Platz zu nehmen und dort mit zu fahren. Dies ist für Notfälle eine hilfreiche Sache und möglicherweise kommt er dort generell auch besser zu Recht. Viele Hunde haben im Fußraum weniger Probleme mit der Autofahrt als im anderen Bereich des Autos.

Aber eigentlich, würde Ragnar ja sowieso am liebsten selber fahren, so hat er die Situation wenigstens vollkommen im Griff.

 

Fahren mit den ÖV

Wie beim Autofahren reagierte Ragnar auch hier erst mal panisch. Da er die Verkehrsmittel aber scheinbar noch nicht kannte, stieg er erst mal recht neugierig ein, die Panik flackerte erst auf, als sich das Gefährt in Bewegung versetzte.
U-Bahn und danach Trambahn waren aber nur kurz problematisch, an diese hatte er sich dann doch überraschend schnell gewöhnt und war sogar bald in der Lage sich hier etwas Futter zu erarbeiten.

Bus fahren kommt dem Autofahren am nächsten und so dauerte es hier deutlich länger, bis er ansprechbar wurde. Die ersten Fahrten schrie er die mitfahrenden Passanten zusammen, als würde er abgestochen werden. Jede Trainingsfahrt suchte ich daher nach einer neuen Strategie, um ihm zu helfen mit der Situation umzugehen und dann klappte es endlich. Herumlaufen half ihm den Stress abzubauen und ruhiger zu werden. So nutzte ich also aus, wenn wenig los war und spazierte mit Ragnar während der Fahrt den Gang auf und ab. Bald schaffte er es immer besser sich zu beruhigen und es dauerte gar nicht lange bis er kaum noch Probleme mit der Busfahrt hatte.

Inzwischen sind Busfahrten eigentlich recht entspannt und gut machbar. Schade, dass ich dieselbe Strategie bei der Autofahrt so nicht anwenden kann, zumindest nicht in unserem Auto.

Unsere erste Bergtour wollten wir mit einer Seilbahnfahrt nach unten beenden. Mit Spannung beobachtete ich, wie Ragnar sich machen würde, denn auch bei Aufzügen zeigte er sich zu Beginn noch sehr ängstlich. Die Seilbahn hatte Fenster bis zum Boden und ich hatte doch so meine Bedenken, wie Ragnar damit zu Recht kommen würde. Überraschenderweise blieb er die ganze Fahrt über entspannt und erarbeitete sich kleine Futterstückchen! Das war wirklich ganz große Klasse und ich war richtig stolz auf mein kleines Mammut.

Alleine bleiben ohne Stress?

In München im Büro war es von Beginn an notwendig, dass Ragnarson zumindest für kurze Zeiten mal alleine bleibt. Da er Türen öffnet, Möbel zerstört und sich die Leine durchbeißt wenn er angehängt wird, war es leider die erste Zeit unumgänglich ihn mit Maulkorb und Leine im Büro zu sichern. War ich da, kam der Maulkorb weg.

Schnell bekam er den neuen Spitznahmen Huibuh das Schlossgespenst, denn er heulte in allen verfügbaren Varianten das Institut zusammen, wenn er alleine war. Um zu überprüfen, ob es sich bessert, begannen meine Kollegen im ganzen Institut ein Heulprotokoll zu führen und zusätzlich wurde angemerkt, wann er wie alleine aufgefunden wurde. Also ob er lag oder stand, an gespannter Leine oder locker.
Es zeigte sich schnell, dass Ragnar sich an die Situation zu gewöhnen begann und schon nach wenigen Wochen durfte er sich komplett frei im Büro bewegen. Nur wurde zu Beginn dann die Türe immer zugesperrt, wenn keiner drin war, um einen Ausbruchversuch zu unterbinden.

Ragnar versuchte nicht auszubrechen, er kam wirklich bald überraschend gut mit der Situation zurecht, musste ja auch nur selten länger als eine Stunde alleine bleiben.
Inzwischen hört man ihn eigentlich nicht mehr heulen, er liegt entspannt im Büro und schläft sogar wenn wir alle weg sind.

Bei gutem Wetter gibt es nun auch eine weitere Option, da darf er draußen im Innenhof liegen, das gefällt ihm am besten.

Nur zuhause, da brauchte ich eine ganze Weile bis ich eine geeignete Strategie fand um hier weiter zu kommen. Die Situation dort ist ja doch eine deutlich andere und er reagierte jedes Mal panisch, wenn er in einem Zimmer bleiben sollte, selbst wenn ich dieses noch so positiv belegte und selbstständiges Warten dort belohnte.
Bei geschlossener Türe hinterließ er enorme Speichelpfützen an der Tür, beim Versuch diese durch zu nagen. Hängte ich ihn ohne Maulkorb an, durchkaute er die Leine, nahm ich eine Kettenleine und bot ihm stattdessen Kauartikel an machte er sich am Tisch zu schaffen, der ihm im Weg stand. Unangeleint konnte ich durch ein Fenster stereotypes auf und ablaufen, sowie permanentes Schlecken und Schaben an der Tür und am Türrahmen beobachten. Zur Ruhe kam er da definitiv nicht und sein Stresspegel stieg eher immer mehr an.

Ein Kindergitter als lockere Absperrung, war für ihn ohnehin kein Hindernis, da sprang er leichtfüßig drüber.

Zu Beginn unserer Beziehung war das eine zusätzliche Belastung. Wir waren mit Ragnar an die Wohnung gefesselt, konnten nichts mehr gemeinsam unternehmen, nicht mal zusammen einkaufen war möglich. Ging es einmal nicht anders, stellte sich die Frage welchem Stressor ich ihn nun aussetze, alleine zu bleiben oder mit dem Auto zu fahren?

Aufgrund seiner doch manchmal recht unbeherrschten Art traute ich mich auch nicht die Nachbarn zu bitten ihn zu betreuen.

Als sich das Verhältnis zwischen Ragnar und den Katzen entspannte und diese aufgrund des Wetters sowieso die meiste Zeit draußen blieben, probierte ich immer häufiger aus, ihm die ganze Wohnung zur Verfügung zu stellen und das sah deutlich vielversprechender aus. Zwar kam er zu Beginn auch hier nicht zur Ruhe, zeigte aber keine Versuche auszubrechen und zerstörte auch keine Gegenstände! Nach einigen Versuchen war klar, dass diese Strategie für Ragnar besser geeignet ist, immer häufiger traf ich ihn zumindest liegend an und nicht total verzweifelt und aufgeregt.

Zwei bis dreimal die Woche wage ich es nun, ihn für eine Weile alleine zu lassen. Für kurze Einkäufe von ein bis zwei Stunden oder ähnliche Erledigungen. Dabei hilft mir unsere Nachbarin ganz arg, die mir immer eine Rückmeldung gibt wie lang und wie viel er geheult hat.

Trotz kleinerer Rückfälle, in denen er mal wieder sehr hartnäckig versucht uns zurückzurufen, wird es immer besser. Teilweise blieb Ragnarson nun schon über 3 Stunden alleine und entspannte sich ganz deutlich. Die Begrüßung fällt entsprechend ruhiger aus und so freue ich mich, wenn wir vielleicht in einigen Monaten mal wieder ins Kino gehen können, ohne den armen Kerl damit zu verunsichern.

Alternativ zum Verbleiben in der Wohnung, darf er draußen im Garten auf uns warten. Hier ist es zwar notwendig ihn anzuhängen, da der Garten nicht vollständig umzäunt ist, die Leine akzeptiert er dort jedoch ohne sie durch zu nagen. Im Garten kann er recht gut entspannen, sofern keine Hunde sichtbar am Zaun entlang kommen.

Soll er dort auf uns warten, werden daher die Nachbarn beauftragt hin und wieder nach ihm zu sehen und ihm Futter zu geben sollte er einen Hund bemerken. So klappt das schon sehr gut und Ragnar fühlt sich auch gar nicht so alleine.
Ein großes Dankeschön gilt daher auch unseren lieben und hilfsbereiten Nachbarn!

Da Ragnar als perfekter „Kneipenhund“ sofort unter dem Tisch verschwindet und dort entspannt zu schlafen beginnt, darf er uns bei Ausgängen natürlich fast immer begleiten. Nur ist es eben wichtig, dass er lernt auch alleine zu bleiben ohne Stress zu haben, denn immer ist es bekanntlich nicht möglich den Herren mit zu nehmen.

Ein Rohdiamant beginnt zu glänzen

Schon in der Polarhunde-Nothilfe wurde Ragnarson als ungeschliffener Diamant bezeichnet, aus dem man noch so einiges rausholen könnte. Seine Entwicklung bei uns lässt nun seine diamantenen Glanzseiten immer weiter aufblitzen und die möchte ich natürlich ganz und gar nicht verheimlichen. Trotz der vielen Hürden, die wir zu meistern haben können wir doch das Zusammenleben inzwischen wirklich genießen. Ragnar bringt uns regelmäßig zum Lachen und ist ein super liebenswerter Eisbär.

Am besten können die folgenden Bilder verdeutlichen, was ich damit meine:

Schon in der ersten Woche besetzte Ragnarson den Thron und wuchs bald darauf zu einem perfekten Sofawolf heran:

  

Auch vor dem Bett macht er nicht Halt und es ist nicht schwer ihm das zu verzeihen:

Ragnarsons Liegepositionen lassen einen so manches Mal staunen und lachen:

  

 

 

Ragnarson und unsere Miezen, es ist einfach zu schön:

 

Zusammenarbeit macht tatsächlich Spaß!

     

 

Herumalbern mit dem Mammut:

 

 

Unsere Erste Bergtour haben wir gemeistert